Interview Ruth u. Michael Tauchert

Ruth und Michael Tauchert -Ein Bad Godesberger Künstlerpaar-

Beide arbeiten gegenständlich, beide greifen oft auf Motive aus der Mythologie zurück. Michael Tauchert ist vor allem Bildhauer. Sein bevorzugtes Material ist Holz, ein lebendiger Stoff, aus dem er eindrucksvolle Figuren schafft. Es sind Werke, die gleichermaßen in Innen- und Außenräumen ihre kraftvolle Präsenz entfalten. Ruth Tauchert ist vornehmlich Zeichnerin und übersetzt das Dreidimensionale von bewegten Körpern in die Zwei Dimensionalität des Papiers. 2019 wurde sie mit dem Dr.-Theobald-Simon-Preis für herausragende bildende Künstlerinnen in Bonn ausgezeichnet. Beide freischaffende Künstler erregten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen überregionale Aufmerksamkeit.  Elisabeth Einecke-Klövekorn sprach mit Ruth Tauchert. Angela Biller besuchte Michael Tauchert in seinem Gartenatelier im Haus des Paares in Bad Godesberg. Einleitung E.E.K

Werke, Fragen, Antworten, Text und Bilder der beiden Künstler fließen bewusst in unregelmäßiger Reihenfolge ineinander über.

Regelmäßige Besucher der Tanzvorstellungen in der Bonner Oper kennen die Künstlerin. Meistens sitzt sie in der Pause mit einem Stapel Zeichnungen links auf der Foyerbühne. Bei Proben und während der Aufführungen sieht man sie auch oft in der Intendantenloge, gewappnet mit Zeichenblock und Stiften. Ruth Tauchert hält Bewegungen fest. Oder sie bringt Erstarrtes in Bewegung.

EEK:  Liebe Frau Tauchert, Bewegung ist das erste Wort, das mir zu Ihrer künstlerischen Arbeit einfällt. Was bewegt Sie dazu, dieses Motiv immer wieder neu zu erforschen?

RT: Vielleicht ist es die Möglichkeit des Scheiterns. Ein still stehendes Motiv birgt immer die Chance der Wiederholung. „Live“ sich bewegende Menschen zu zeichnen bedeutet, dass man nur diese eine Chance hat den Moment einzufangen. Es gibt keine Wiederholung denn nicht nur die reine Bewegung beeinflusst meine Zeichnung, sondern auch alles Andere was den Moment ausmacht, die Musik, die Stimmung der anwesenden Menschen…

EEK: Sie arbeiten regelmäßig im Bonner Opernhaus aber auch in der freien Tanz-Szene. Seit vielen Monaten sind die Häuser nun wegen der Pandemie geschlossen. Betrifft Sie das in Ihrem Schaffen?

RT: Ja! Nicht nur die Vorstellungen in der Oper Bonn, wo ich seit über sieben Jahren während der Tanzveranstaltungen „live“ zeichne, auch alle anderen Veranstaltungen wie Circus, Theater und Sportveranstaltungen finden leider zur Zeit nicht statt.
Zudem sind die Museen geschlossen, all das fehlt mir sehr. Glücklicherweise durfte ich in dem einen oder anderen geschlossenen Museum ganz allein – unter Beachtung der Corona-Auflagen – für meine aktuellen Projekte zeichnen. Auch wenn das nicht an allen Orten möglich ist, arbeite ich weiterhin jeden Tag.

Der Vorsitzende Jügen Laue machte mich auf den Künstler aufmerksam, dessen großer Fan er ist. Dabei wies er darauf hin, dass auch Ruth Tauchert eine hochangesehene Künstlerin ist. Eine Verabredung mit Michael Tauchert in seinem Atelier – ein Schuppen in dem verwunschenen Garten des Künstlerpaars Tauchert – folgte kurz darauf. 

A.Bi Welchem kreativen Prozess folgen Sie? Sehen Sie in Ihrem Material Holz bereits die Form und was Sie daraus gestalten möchten, oder haben Sie zunächst die Figur im Focus und suchen das passende natürliche Element Holz dazu aus?

M. T. Der kreative Prozess ist nicht immer gleich und hängt auch davon ab, ob ich einen Werkzyklus plane – so zum Beispiel anlässlich des Jubiläums von Beethoven – hier hatte ich 9 Beethoven-Skulpturen geplant und geeignete Baumstämme bzw. Holzstelen ausgesucht. Ich lasse mich aber auch gern vom Material Holz leiten. Holz arbeitet mit, gerade die Imperfektionen wie etwa Astgabelungen oder Risse im Holz können kreativ genutzt werden und fließen in die Skulptur mit ein.

A.Bi. Holz ist Ihr Medium, warum Holz und haben Sie sich auch mit anderen  Werkstoffen beschäftigt?

M.T. Ich habe auch Marmor und Speckstein bearbeitet, bin aber dann dem Holz treu geblieben. Holz ist zwar nicht wie Stein für die Ewigkeit, man sagt, es sei ein lebendiger Werkstoff. Es habe eine beruhigende Wirkung, es arbeitet, es ist leicht und es riecht gut. Bei der Betrachtung des Holzes werde ich von Farbe, Maserung und Form des Holzes beeinflusst. Fast alle Hölzer können in der Bildhauerei bearbeitet werden. So habe ich in den letzten Jahren z. B. Buche, Eiche, Pflaume, Linde, Weide, Kirsche und Walnuss bearbeitet.

EEK:  Sie zeichnen oft tanzende Körper und Bühnenfiguren, sind aber auch außerhalb des Theaters unterwegs und widmen sich sportlichen Bewegungen wie Reiten, Fechten oder Ringen. Gibt es in Ihrer Wahrnehmung Unterschiede zwischen der bewusst auf Ausdruck hin gestalteten, choreografierten Bewegung und der scheinbar rein funktionalen beim Sport?

RT: Ich zeichne nicht einfach nur Sport sondern suche mir ganz bestimmte Motive. Beim Ringen, Fechten und Reiten handelt es sich immer um Paare und im Grunde interessiert mich, was zwischen ihnen passiert. Das versuche ich immer wieder aufs Papier zu bringen. In welcher Beziehung stehen sie zueinander, wie agieren und reagieren die Partner. Im Grunde ist es eine Art von Tanz, das macht es für mich so reizvoll. Seit letztem Jahr zeichne ich sehr oft Reiter.  Mit einer Person allein in der großen Reithalle – mit entsprechendem Abstand – ist das auch in dieser Zeit möglich.

A.Bi.Man denkt an Schnitzen wenn man Holzskulpturen betrachtet, so ist es aber nicht wie ich bei unserem Ateliergespräch in Ihrem Hause erfuhr. In Ihrem Instagram- Account kann man Sie auch mit Schweißbrenner hantierend verfolgen. Wir würden gerne mehr über Ihre Arbeitsweise erfahren- vom Holz zur Skulptur- Holz ist auch nicht gleich Holz wie Sie uns erklärten

M.T.Schnitzeisen, Klüpfel und Beil sind schon die wichtigsten Werkzeuge bei meiner Arbeit. Bei der Bearbeitung meiner Beethoven-Skulpturen war der markante Haarschopf eine Herausforderung. Letztlich habe ich mit der Kettensäge an der Frisur gearbeitet. Für die Schwarz-Weiß-Ausstellungen im Haus an der Redoute gilt ja die Vorgabe „Schwarz/Weiß oder Grautöne“. Also habe ich angefangen zu experimentieren, für weiße Skulpturen verwende ich Marmormehl, Kreide und Acryl. Wenn ich meine Holzskulpturen kurz brenne, so nur um ihnen die Patina der Vergänglichkeit zu geben.

EEK: Bei Ihrer Ausstellung im akademischen Kunstmuseum haben Sie antiken Skulpturen zeichnerisch in Bewegung gebracht, indem Sie sich selbst um die Objekte herum bewegten. Wie sehen Sie diesen Prozess zwischen Beobachtung und aktivem Perspektivenwechsel?

RT: Mich berühren die Antiken immer wieder neu. Im Akademischen Kunstmuseum Bonn zeichne ich seit inzwischen fast zehn Jahren und es reizt mich immer wieder die starren Figuren in Bewegung zu bringen, ihnen neues Leben einzuhauchen und sie in unsere Zeit zu versetzen.

EEK: Neben den Arbeiten auf Papier gestalten Sie auch dreidimensionale Figuren. Im Ägyptischen Museum haben Sie quasi einen Dialog hergestellt zischen den alten Mythen und Ihren Bronzeplastiken. Wie unterscheidet sich Ihre Tätigkeit als Bildhauerin von ihren Zeichnungen? Vom Modell bis zum Guss der Figur ist es ja ein langer Weg.

RT: Genau. Bei der Bildhauerei ist meine Geduld herausgefordert, denn es dauert schon sehr lange, bis man das Ergebnis seiner Arbeit in Form einer Bronze in den Händen hält. Vom Beginn der Arbeit bis zur gegossenen Bronze vergehen Monate. Meine Zeichnungen hingegen haben alle irgendwie eine Art von Geschwindigkeit.

EEK: Sie engagieren sich als Künstlerin sehr konkret auch im sozialen Bereich. Welche Pläne haben Sie für die nächste Zeit?

RT: 2020 kamen für mich zwei soziale Projekte zusammen.
Für die Kunstlotterie der UNO-Flüchtlingshilfe „HEART – 100 Artist. 1 Mission“ habe ich ein Werk gespendet. Durch den Verkauf der Lose kamen 1 Mio. € zusammen.
Die von mir ins Leben gerufene Spendenaktion „Helden-kaufen:Atem-spenden“ hat mich im ersten Lockdown sehr intensiv beschäftigt. Für das Projekt sind 160 Helden-Zeichnungen entstanden. Es kamen über 15.000 € an Spendengeldern zusammen.
Wenn ich höre, dass in Indien dringend Sauerstoff gebraucht wird, würde ich am liebsten gleich die nächste Spendenaktion starten. Von den Helden sind übrigens noch einige zu haben, die Spenden gehen auch weiterhin an das St. Petrus-Krankenhaus in Bonn. Wirklich planen kann man momentan nicht. Im September soll eine Ausstellung in der Bonner Galerie Paqué stattfinden, und für nächstes Jahr ist eine weitere Ausstellung in Planung. Außerdem arbeite ich derzeit an meinem inzwischen siebten Katalog, den ich unter dem Titel „Crazy-Horses“ hoffentlich in diesem Jahr herausbringen kann. Website : https://ruth-tauchert.com Instagram : ruth.tauchert

A.Bi. Ihre figürlichen Darstellungen insbesondere der Köpfe wirken auf mich in Ihrer Einfachheit  sehr lebendig- teilweise nachdenklich. Wissen Sie bereits zu Beginn Ihrer Arbeit welchen Ausdruck Ihre Gesichter tragen werden  bzw. Sie  herausarbeiten möchten?

M.T. Meine Skulpturen leben in verschiedenen Gefühlswelten und ich überlege mir vor Beginn der Arbeiten, welchen Ausdruck sie tragen sollen.  Im Arbeitsprozess gibt es aber oft Schnittstellen, die zu Veränderungen führen. So können zum Beispiel Risse im Holz den Ausdruck stark verändern. Holz arbeitet immer mit und ist dabei sehr eigenwillig

A.Bi. Waren Sie beruflich ebenfalls kreativ gefordert, oder war Ihr Berufsleben eher konträr zu Ihrer jetzigen bildhauerischen Tätigkeit gewesen? Geben Sie uns einen kleinen Einblick.

M.T. Bis zum Beginn meiner Tätigkeit als Bildhauer im Jahre 2013 habe ich als Gesundheitsmanager in einer Krankenversicherung gearbeitet.

A.Bi. Ihre Frau, bildende Künstlerin, die Sie als Anstoß für Ihr spätes künstlerisches Schaffen nannten, wird möglicherweise  nicht die einzige Inspirationsquelle gewesen sein. Welche familiären oder späteren kreativen Einflüsse wirkten auf Sie.

M.T. Nachdem ich für meine Enkel ein massives Holzpferd aus alten Baumstämmen gebaut hatte, war mein Interesse am Material Holz geweckt. Aufträge für weitere Holzpferde blieben zwar nicht aus, doch wollte ich damit nicht in Serienproduktion gehen. Vielmehr strebte ich danach, aus diesem Material Skulpturen zu erschaffen.

A.Bi. In welcher Form unterstützte Sie Ihre Frau bei der Umsetzung Ihres Plans sich künstlerisch auszudrücken. Sie gingen sozusagen bei Ihr in die Lehre wie ich aus einem früheren Interview erfuhr?

M.T. Meine Frau überließ mir ihre Werkzeuge, die zur Bearbeitung von  Holzskulpturen erforderlich sind und gab mir auch wichtige Hinweise zum Umgang mit den Materialien. Anfangs hat sie mich intensiv mit Rat und Kritik begleitet.
Website :  Ihttps://www.kunstverein-bad-godesberg.de/bilder_galerie_neu.htm  Instagram : michael.tauchert

 

Layout A. Biller, Fotos: Portrait Ruth Tauchert v. Thilo Beu,Fotos Privat, Fotos A. Biller